Bei einem Innovationskongress fiel einmal die Aussage: „Wenn du eine Idee hast und die Leute sagen dazu ‚Blödsinn‘, dann ist das ein Hinweis, dass du etwas Innovatives gefunden hast.“ Ähnliche Ablehnung erntet man, wenn man die Menschen mit „Insektennahrung“ konfrontiert.

„Nein, Insekten essen, das ist nicht vorstellbar!“ – Dennoch ist diese Idee eine unter den zahlreichen Vifzack-Einreichungen, die als ideales Beispiel dienen kann, um zu zeigen, wie mühsam der Weg zur Innovation sein kann. Die Idee hinter der „Wurmfarm“ ist, dem österreichischen Markt einerseits Zugang zu einer neuen Nahrungsquelle zu ermöglichen und andererseits den Nutzen der Insekten für uns besser umsetzen und erforschen zu können.

Der Forschungsbauernhof, wo dies stattfindet, befindet sich auf 1000 Meter Seehöhe und wird von Andreas Koitz, der eine landwirtschaftliche Fachausbildung hat, und Mikrobiologin Lisa-Marie Schaden, die in der Wissenschaft arbeitet, nebenberuflich geführt.

Wie kommt man auf diese Idee?

Von Anfang an war klar, dass der Betrieb nicht traditionell weitergeführt werden soll, sondern Andreas und Lisa etwas Innovatives produzieren wollten. Durch die gemeinsame Leidenschaft für Insekten als Nahrung und die vielen positiven Aspekte und Nutzungsmöglichkeiten von Insekten war die Grundidee einer Zucht schnell geboren.

Die ersten konkreten Schritte wurden Anfang 2017 unternommen und das Projekt entwickelte sich rasant zu einem richtigen Auftrag. Die ersten kleinen Experimente wurden durchgeführt und zeigten gute Ergebnisse. Die Zucht wuchs schnell und diverse Kochkurse und Seminare lenkten das Projekt in die richtige Richtung.

Mit Gegenwind ist zu rechnen

Symptomatisch für Innovationen ist die Tatsache, dass man auf der einen Seite „neue Ideen“ verfolgen muss, um zukunftsfit zu bleiben, andererseits mit dem Neuen aber auch bald an Grenzen stößt! So sind Widerstände wie fehlendes Wissen, Unsicherheiten und die rechtlichen Vorgaben die Haupthürden für das Neue.

Am Beispiel der Insektennahrung zeigt die europäische Landwirtschaft kaum Interesse und begegnet diesem Thema eher mit Zurückhaltung. Denn Neues bringt immer eine Unsicherheit bezüglich der Hygiene, der Produktion, möglicher gesundheitlicher Bedenken bis hin zur mentalen Überwindung, überhaupt Insekten zu essen, mit sich. Alle – vielfach auch verständlicherweise und berechtigt eingebrachten Widerstände muss man jedoch aus dem Weg räumen, um zum Ziel zu kommen. Dennoch ist keine Kraft größer „als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ (Victor Hugo).

Wissenschaftliche Grundlagen

Seit 1. Jänner 2018 ist auf europäischer Ebene die sogenannte „Novel-Food“-Verordnung in Kraft getreten, die Insektennahrung unter Einhaltung bestimmter Kriterien möglich und „handelbar“ macht. Unter anderem sind Insekten als ganze Tiere nun Teil der Begriffsbestimmung und damit eindeutig im Anwendungsbereich der Verordnung.

Die Überwindung dieser Hürde ermöglicht es einem „Innovatorenpärchen“ wie Andreas Koitz und Lisa-Marie Schaden mit dieser Innovation eine Exis­tenz auf einem Bergbauernhof aufzubauen. Mit einer Idee, die ungeheures Potenzial hat. Denn wer sich hier das Know-how aufbaut, muss ja nicht bei der „ungewöhnlichen“ Insektennahrung verweilen, es geht ja auch um die geniale Idee, Insekten auf vielfältige Weise für uns nutzbar zu machen: verschiedene Insekten finden Einsatz als biologische und umweltfreundliche Waffe gegen Schädlinge in der Landwirtschaft. Studien zeigen, dass man Insekten auch als Recycler für Sondermüll wie Polystyrol oder als Erzeuger von Biodünger einsetzen kann. Neben dem Nutzen von Insekten als Futtermittel als bessere Alternative zu Sojafutter kann man biologisch ernährte Insekten eben auch zum menschlichen Verzehr anbieten.

„Alle genannten Möglichkeiten, Insekten zu nutzen, sind in Österreich noch kaum umgesetzt und stehen vielen Jungbauern gegenüber, die nicht wissen, wie sie ihre Betriebe weiterführen sollen. Dabei gäbe es viele leerstehende Stallungen und Räumlichkeiten“, erklären die beiden Innovatoren aus dem Lavanttal.

Ausbildung: Schlüssel für Innovation

Sie selbst zeigen beispielhaft, wie die Kombination unterschiedlicher Ausbildungswege einen Mix ergeben kann, um auf einem Hof mit neuen Ideen zu überleben. Die Initiative steht am Anfang, viele Forschungseinrichtungen beschäftigen sich mit der Frage, wie man Insekten nutzen könnte, die rechtlichen Rahmenbedingungen und die technologischen Vorhaben sind auf bestem Wege, die Sache praxisreif werden zu lassen. Der Blick auf das Topbeispiel in der Agrarkultur, die Honigbiene, verdeutlicht, was wir von Insekten alles erwarten können.

Der sprichwörtliche Fleiß der Bienen muss allerdings einem Innovator in den Genen mitgegeben sein, um gegen all die Widerstände des Umfeldes eine Idee als Innovation zum Erfolg zu bringen. Daher brauchen wir Nachsicht und Offenheit, Ermunterung für alle Startups, die den Mut, die Kraft und die Ausdauer haben, die Zukunft mit konkreten und vielleicht auch ungewöhnlichen Angeboten neu zu erfinden.

Autor: Bernhard Tscharre

"Die Wurmfarmer" - Lisa-Marie Schaden und Andreas Koitz aus dem Lavanttal. © Koitz-Schaden

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