Andächtig und unheimlich neidisch hat man die letzten Jahrzehnte zum großen Agrarland Niederlande aufgeblickt. Nicht umsonst wurde die Niederlande vielfach als Innovationsland Nummer eins beschrieben, und daran besteht auch in heutiger Zeit kein Zweifel. Nun aber steht die holländische Landwirtschaft an einem gewissen Scheideweg: Die Gesellschaft goutiert unbändiges Agrarwachstum nicht mehr, da das Umfeld immer mehr Schaden nimmt. Sie wollen zurück zum Ursprung. Aktuell versucht Agrarministerin Carola Schouten Kurskorrekturen einzuleiten, da man sich mit größeren Herausforderungen in Sachen Nitrat- und Phosphatbelastung konfrontiert sieht. „Doing more with less“ (Mehr mit weniger tun) ist ihr Leitsatz, den sie an der Uni Wageningen jüngst postuliert hat. Andererseits etabliert sich gerade auf dieser zu den prominentesten Agrarunis zählenden Einrichtung eine neue Generation von Studenten und Forschern, die sich immer öfter die Sinnfrage zu Wachstumsinnovationen stellen und immer mehr der Verlockung des großen Geldes der dort forschenden Agrarindustriegiganten entziehen.

Dies alles konnte eine Gruppe von Innovationsberatern der österreichischen Landwirtschaftskammern vor Ort studieren, und noch viel mehr:

Food-Families

Daher denkt etwa Bert Vollering in Südholland mit seinem 200er Milchkuhbetrieb bereits um und kooperiert mit einem Ackerbaubetrieb in einer so genannten „Food-Family“. Eingebettet in eine regionale Projektstruktur überlegen sie sich gemeinsam innovative Schritte. 21 solcher kleinen Experimentiergärten – Experimental gardens – gibt es dort, und in einem offenen Innovationsprozess beteiligen sich auch gesellschaftliche Gruppen. Dies unterstreicht die Entwicklung eines immer intensiveren Austausches von Praxis und Forschung in der niederländischen Agrarwirtschaft. Dieses System lässt die EU-Initiative EIP (Europäische Innovationspartnerschaft) in einem interessanteren Licht erscheinen.

Sehr offen und einen anderen Weg der Lebensmittelversorgung zeigte uns auch ein biologisch wirtschaftender Milchviehbetrieb mit solidarischem Gedankengut. Er hat seine Wirtschaft kurzerhand über unverzinste Crowdfinanzierung (150 Euro Kuh-Aktien) und reiche Mäzene abgesichert, dafür aber 400 Abnehmer mitbestimmen lassen, welche Art Bewirtschaftung gewünscht ist: „Wollen Sie Kühe mit Hörner, dann machen wirs!“ Den Mitgliedern ist die Milch des gehörnten Viehs 1,50 Euro wert, der ungehörnte Nachbar verkauft um nur einen Euro! Von 2300 Mitgliedern kaufen 1000 bei ihm über fünf Ausgabestellen Milch- Fleisch- Obst und Gemüseprodukte ein. Dazu ist es aus seiner Sicht übrigens selbstverständlich, dass er im Sommer seinen leeren Laufstall als Gemüseglashaus nutzt. 

Masterklassen & Farmhacks

Generell werden Probleme praktisch und mit offenem Zugang gelöst: Auf Lösungssuche geht man etwa mit einem „Farmhack“ – also einem 24-Stunden Denkprozess auf Bauernhöfen mit möglichst vielschichtigen Interessierten, und man sucht primär praxistaugliche Lösungen über IT- und Digitalisierungsprozesse. Damit geht man aktuell zB. die Herausforderung an, mehr Kräuter ins Grünland zu bringen.

Vor allem aber verschreibt man sich immer stärker den so genannten kurzen Ketten in der Lebensmittelversorgung. Über ein System der Masterklassen forciert man dazu neue Ansätze des gegenseitigen Lernens in Kleingruppen, um neue Vertriebsideen für Bauernhöfe zu entwickeln. Durch dieses System lernen die Betriebe zusätzlich Ressourcen zu bündeln und Businessmodelle zu entwickeln. Diese Modelle wurden in einer nagelneu entwickelten Rotterdamer Lebensmittelhalle professionell ausgetestet und vermarktet.    

In der Direktvermarktung ist Österreich gottlob bereits rechtzeitig ein Stück des Weges gegangen. Lernen können wir aber vor allem den offenen und unbeschwerten Zugang zur Kooperation und Innovation, Unternehmertum, sowie den direkten Praxisbezug zur Forschung. Frei nach dem Motto „Producing Food that makes you happy!“ 

Autor: Robert Schöttel, LK Steiermark

Die Delegation aus Österreich (C: M.Fratzl)

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